Vorlesung jüdische Philosophie

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Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon marcus03 » Mi 12. Jul 2023, 18:54

In Tübingen gibt es aktuell eine mMn hervorragende Vorlesungsreihe:

https://timms.uni-tuebingen.de/tp/UT_20 ... hilos_0001

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Brachtendorf

Ich habe selten philosophische Themen didaktisch so exzellent aufbereitet und spannend vorgetragen gehört.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Do 13. Jul 2023, 16:40

Es gibt einige griffige Antithesen, mit denen man das jüdische und das griechisch-europäische Denken gegenüberstellen klann: die Griechen lassen sich vom logos leiten, Rationalismus, sie suchen die beweisbare Wahrheit; die Juden denken emotional, moralisch: Bundestreue, Gnade, Erlösung, Buße.
Die westliche Denkart blickt in die Vergangenheit, sie macht sich an dem "Urknall" fest (oder versucht es); die Juden blicken in die Zukunft, erwarten das Gottesreich, das kommen soll.

Eine fundierte Einführung ist: Franz Rosenzweig, "der Stern der Erlösung"; das war der Mitarbeiter von Martin Buber bei der Bibelübersetzung.

Auch dazu zu empfehlen: Rudolf Bultmann, "das Urchristentum"; er ist einer der wenigen Theologen, die auch im antiken Denken voll kompetent sind.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon marcus03 » Do 13. Jul 2023, 18:11

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ (Bultmann)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/gl ... e-100.html

Sapientius hat geschrieben: die Juden blicken in die Zukunft, erwarten das Gottesreich, das kommen soll.

Und damit sozial! Wie sollen wir quam humanissime miteinander umgehen und leben?
Das Christentum sollte der NEUE WEG/hodos nea dazu sein.
Jesus war kein Philosoph, eher ein Sozial-Therapeut.

Die Briefe würden ihn bevollmächtigen, Männer und Frauen aufzuspüren, die Anhänger des neuen Weges waren, und sie als Gefangene nach Jerusalem zu bringen.

ᾐτήσατο παρ’ αὐτοῦ ἐπιστολὰς εἰς Δαμασκὸν πρὸς τὰς συναγωγάς, ὅπως ἐάν τινας εὕρῃ τῆς ὁδοῦ ὄντας, ἄνδρας τε καὶ γυναῖκας, δεδεμένους ἀγάγῃ εἰς Ἰερουσαλήμ.


ὃς ταύτην τὴν ὁδὸν ἐδίωξα ἄχρι θανάτου δεσμεύων καὶ παραδιδοὺς εἰς φυλακὰς ἄνδρας τε καὶ γυναῖκας,


Sapientius hat geschrieben:Auch dazu zu empfehlen: Rudolf Bultmann, "das Urchristentum"; er ist einer der wenigen Theologen, die auch im antiken Denken voll kompetent sind.

Und dafür von der Kirche diskreditiert wurde in ihresr selbstgefälligen Verbohrtheit, Dummheit und
Gläubigenverdummung, primär zur Erhaltung ihres (Psychoterrors-)Machtwillens.
Obiter:
Von den psychischen Schäden bei den Nicht-Missbrauchten hört man wenig bis nichts.
Sie übersteigen quantitativ den Missbrauch m.E.um ein Zig-Faches.
Mit plötzlichem Gesülze vom Lieben Gott (Deus caritas est) sind diese Schäden nicht wiedergutmachen.
(vgl.Tilmann Moser, Gottesvergiftung).
Im Namen des christl. Gottes sind Verbrechen unbeschreiblichen Ausmaßes begangen worden.
Mit eine banalen Bitte um Vergebung ist das nicht aus der Welt geschafft.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Fr 14. Jul 2023, 11:03

Und dafür von der Kirche diskreditiert wurde in ihresr selbstgefälligen Verbohrtheit, Dummheit und
Gläubigenverdummung, primär zur Erhaltung ihres (Psychoterrors-)Machtwillens.


Marce, du giftest zuviel! Ich kann mir gut denken, dass die damalige Kirchenleitung aus pastoralen Gründen die bultmannsche Entmythologisierung ablehnte; was sich im Hörsaal durchsetzt, setzt sich noch lange nicht auf den Kirchenbänken durch; es wäre eine Überforderung gewesen.

Marce, einer ganzen Gruppe pauschal bösen Willen unterstellen, das ist ein Charakterfehler, kommt einer Selbstvergiftung gleich; bessere dich!

Bultmann hat viel bewegt, Stichwort "Glauben und Verstehen"; den damaligen Kirchenleitungen ging er zu weit; anderen ging er nicht weit genug; Dorothee Sölle bemängelte, Bultmann bleibe zu theoretisch: "Befreiung, Erlösung jetzt!".
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon marcus03 » Fr 14. Jul 2023, 18:41

Sapientius hat geschrieben:Marce, einer ganzen Gruppe pauschal bösen Willen unterstellen,

Es ist der Machtwillen, sie will Psychen beherrschen und das Denken unterdrücken, weil sie glaubt,
die Wahrheit exklusiv zu besitzen und alles besser zu wissen trotz massenhafter Irrtümer.
Ihre Funktionäre sind selbstverliebte, z.T. neurotische Selbstdarsteller, die Wasser predigen und Wein trinken
und denken, die Leute durchschauen diese Doppelmoral nicht.
"Der Priester ist der Feind des Propheten", der sich auch mit den Mächtigen arrangiert,
wenn er Vorteile davon hat.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Tiberis » Fr 14. Jul 2023, 23:40

marcus03 hat geschrieben:Es ist der Machtwillen, sie will Psychen beherrschen und das Denken unterdrücken, weil sie glaubt,
die Wahrheit exklusiv zu besitzen

Dieser exklusive Besitzanspruch auf Wahrheit ist ja nicht nur das Merkmal der (katholischen) Kirche sowie des Islam, sondern überhaupt ein Wesenszug totalitärer Ideologien, insbesondere des Kommunismus. Während aber die Macht des Katholizismus und des Kommunismus, zumindest in Europa, zum Glück gebrochen ist, ist der Islam nach wie vor virulent. Sein totalitäres Potential sollte man auf keinen Fall unterschätzen, ebenso wenig wie jenes der Grünen, deren Ideologie als Weltrettungsmission schon längst quasireligiöse Züge angenommen hat und die, vergleichbar den Christen im Römischen Reich, schon längst erfolgreich große Teile der Gesellschaft unterwandert haben. :cry:
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Sa 15. Jul 2023, 07:36

Unsere Aufgabe als Lateinforum ist nicht, über die Kirche zu Gericht zu sitzen, sondern nur ihr zu wünschen: "Vivat et floreat!". Wenn wir aber richten wollen, dann muss es anständig zugehen, d.h. es muss auch die Verteidigung zu Wort kommen, das könnte jemand wie Mystica machen. Und ich mache den Richter, oder lieber Schlichter.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon marcus03 » Sa 15. Jul 2023, 08:51

Heute vor 924 Jahren:
1099: Das Kreuzfahrerheer des Ersten Kreuzzugs erobert nach einmonatiger Belagerung Jerusalem und tötet beinahe die gesamte Bevölkerung der Stadt.


https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerun ... alem_(1099)#Der_Sturm_und_das_Massaker
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Sa 15. Jul 2023, 18:07

... Wesenszug totalitärer Ideologien, ....


Tiberis, das ist wohl unser westliches Credo, es geht auf Karl Popper zurück, "Die offene Gesellschaft und ihre Gegner", 1947 , Platon, Hegel und Marx sind die Gegner. Aber es wurde oftmals auf spektakuläre Weise widerlegt, zuerst in Vietnam mit der Niederlage der amerikanischen Demokratie, Irak, Afghanistan, Jugoslawien, Libyen, "der arabische Frühling", "die junge Demokratie fördern!", usw. ; aber es fehlte uns an Lernfähigkeit. Wir meinen, unser politisches System ist global das beste.

Vergessen wir nicht: die führenden Demokratien konnten sich mit dem Diktator Stalin verbünden (die "Alliierten"), und nicht nur während des Krieges, sondern auch lange Jahrzehnte danach; das "Potsdamer Abkommen" ermöglichte bis 1990 ein erträgliches Zusammenleben der Europäer; jedenfalls was wir heute erleben, gab es damals nicht.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon marcus03 » Sa 15. Jul 2023, 18:23

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt." Egon Bahr 2013 vor Schülern in Heidelberg

Die Rüstungsindustrie reibt sich schon jetzt die Hände, die westlichen Ökonomien ebenso, wenn
die Ukraine wiederaufgebaut wird bello confecto. Es geht um Billionen und Arbeitsplätze ohne Ende.
Amerika hat sich am 2.Weltkrieg gesund gestoßen nach der großen Wirtschaftskrise in den 30er Jahren.
Kriege sind die besten Geschäftsmodelle - die humanen Kollateralschäden interessieren defacto kaum.

https://www.finanzen.net/aktien/rheinmetall-aktie
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » So 16. Jul 2023, 09:06

Egon Bahr zitiert sinngemäß Machiavelli, einen Priester aus Florenz, der dem Fürsten empfahl, zuerst auf Machterhalt zu achten; und zweitens dann auch mindestens nach außen hin seine Politik als moralisch erscheinen zu lassen.

Für uns Lateiner dürfte das aus den Fragmenten von Ciceros De re p. geläufig sein; das geht zurück auf Thukydides, aus der Zeit des perikleischen Athens; auf den "Melierdialog" (wir haben ja diesen einmal hier im Forum, unter "Gr.", wörtlich durchgemacht).

Machiavelli stand in Florenz kopfschüttelnd am Rande, als der radikalchristliche Armutsprediger Savonarola die Massen bewegte.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Medicus domesticus » So 16. Jul 2023, 11:01

In einer Demokratie hat man wenigstens die Möglichkeit der Abwahl , wenn einem etwas nicht passt. In einer Diktatur kann man nicht abwählen, man wird entweder schikaniert, eingesperrt oder rausgeworfen.
Das größte Druckmittel für die Kirche ist der Austritt, der bei uns ja legitim und möglich ist. Eine Kirche ohne Volk kann sich irgendwann nicht mehr legitimieren. In totalitären Regimen und Religionen ohne demokratische Anteile (siehe Iran) bezahlst du möglicherweise mit dem Leben.
Dass wir darüber so diskutieren können, ist unser Standortvorteil, den wir verteidigen müssen.
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Mo 17. Jul 2023, 08:18

... unser Standortvorteil, den wir verteidigen müssen.


Medice, du setzt dir ja den Stahlhelm auf! Ich würde lieber sagen, wir haben gute Aussichten, den Standortvorteil zu behalten. Wir haben ja keine Feinde. Mit den Ukrainern können wir uns nicht vergleichen, sie denken daran, was die Russen ihnen angetan haben; und wir denken daran, was wir den Russen angetan haben, 20 Mio. Kriegsopfer ..., am 9. Mai 1945 haben wir bei Stalin unsere bedingungslose Kapitulation eingereicht; ist sie nicht noch gültig (wir müssten unseren Rechtsgelehrten befragen)?
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon medicus » Mo 17. Jul 2023, 18:49

Sapientius hat geschrieben: ist sie nicht noch gültig

Die vier Hauptsiegermächte übernahmen mit der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Zusammen mit der militärischen Kapitulation, deren politische Konsequenz sie war, bildete diese Erklärung die Grundlage für den Viermächte-Status, nach dem die Alliierten bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 für „Deutschland als Ganzes“ verantwortlich blieben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingung ... _Wehrmacht
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Re: Vorlesung jüdische Philosophie

Beitragvon Sapientius » Mi 19. Jul 2023, 09:56

... vergleichbar den Christen im Römischen Reich, schon längst erfolgreich große Teile der Gesellschaft unterwandert haben.


Tiberis, das kann man wohl nicht sagen; für eine Unterwanderung hätten die Christen anders organisiert sein müssen. Was den Schub für den Aufstieg des Christentums bis Konstantin bewirkte, war ein anderes Gottesbild; der Rabbi Jesus sprach die Menschen anders an als die antiken Götter; diese schauten nämlich gar nicht auf den einzelnen; Jesus sprach die Unterschicht an, die Massen der Benachteiligten: "Die letzten werden die ersten sein", "Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!", die Seligpreisungen der Bergpredigt, die Lehrbeispiele vom verlorenen Sohn, vom guten Hirten, vom barmherzigen Samariter ...

Hier kommen wir zurück auf den Anfang, die Eigenheit des jüdischen Denkens.
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