Metrischer Fehler?

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Metrischer Fehler?

Beitragvon Zythophilus » So 17. Sep 2023, 18:29

Im Gedicht De Xandra von Christophorus Landinus (Xandra I 25; https://www.poetiditalia.it/public/test ... xand%7C001) findet sich der Name der Stadt Faesulae, allerdings steht er an einer Stelle, wo man im Elfsilbler der Sapphischen Strophe zwei kurze und eine lange Silbe haben sollte Nostra dum celsas Faesulas frequentat (Xandra I 25,11); Landinus scheint die erste Silbe kurz zu messen (so auch im Hexameter I 24,5 Tecta nec e Faesulis spectantur fulta columnis).
Georges kennt die Form Fēsulae, kennzeichnet die erste Silbe aber eindeutig als lange.
Wieso macht der Autor das? Ist es dichterische Freiheit oder gibt es tatsächlich irgendwo die Form mit kurzer erster Silbe?
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Lychnobius » Mo 18. Sep 2023, 19:43

Wahrscheinlich hat Landino, mittelalterlicher Orthographie folgend, fesulas geschrieben und das e tatsächlich kurz gemessen. Wenigstens legt das ein kurzer Blick in zwei der Handschriften nahe:

1.jpg

http://mss.bmlonline.it/s.aspx?Id=AWOIf ... aU#/oro/37

2.jpg

https://digi.vatlib.it/view/MSS_Urb.lat.368/0035
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Zythophilus » Mo 18. Sep 2023, 21:33

Das scheint mir die einzige plausible Erklärung. Gratias!
Dann muss man, wenn man ehrlich ist, von einem Fehler des Dichters ausgehen. Gerade in der Sapphischen Strophe hätte man Faesulae mit korrekten Quantitäten schön am Beginn der Elfsilber untergebracht.
Da ich den Text in der Schule verwenden will, ist es sinnvoll, die antiken Schreibungen zu verwenden, und das Metrum wird eher nicht genau behandelt. Anders als Hexameter, Distichon und Hendekasyllabus steht die Sapphische Strophe nicht einmal im Lehrplan, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht vorkommen darf.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Lychnobius » Di 19. Sep 2023, 20:28

Möglicherweise sollte man ihm den Fehler nicht allzuschwer anlasten, sofern 1. die Schreibung fesulae im 15. Jh. die einzig bekannte war (die richtige Schreibung also erst später restituiert wurde) und 2. der damals gerade erst wiederentdeckte Silius Italicus die einzige Stelle bietet, aus der sich die Länge der ersten Silbe des Ortsnamens erschließen lässt.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Sapientius » Mi 20. Sep 2023, 16:58

... von einem Fehler des Dichters ausgehen ...


Das könnte man sagen, wenn unsereiner dichtet, aber dem Humanisten Landino kann man das nicht zutrauen. Für uns bleibt der Fall vage, in zweierlei Hinsicht, meine ich: einmal, ob Landino die Silbe fae/fe kurz messen konnte, und dann auch, ob zu seiner Zeit an der Stelle eine Länge in der sapphischen Strophe stehen konnte.

Die Kategorie des Vagen scheint mir bei uns zu kurz zu kommen; die Mathematiker berechnen auch die Flugbahn eines Geschosses, aber die eines Schmetterlings nicht.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Lychnobius » Do 21. Sep 2023, 16:28

Sapientius hat geschrieben:Für uns bleibt der Fall vage, in zweierlei Hinsicht, meine ich: einmal, ob Landino die Silbe fae/fe kurz messen konnte, und dann auch, ob zu seiner Zeit an der Stelle eine Länge in der sapphischen Strophe stehen konnte.

Über diese Punkte sind wir durch die zahlreichen Prosodie und Metrik behandelnden Traktate der Zeit (Perotti, Maturanzio, Mancinelli, Ognibene Bonisoli u. a.) recht gut unterrichtet und können - wenig überraschend eigentlich - feststellen, dass auch im 15. Jh. eine Silbe mit Diphthong wie ae lang gemessen wurde und der sapphische Elfsilbler dasselbe metrische Schema wie bei Horaz hatte.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Sapientius » Do 21. Sep 2023, 18:32

Für uns bleibt die Sache vage, wir wissen ja nicht: hat Landino gepfuscht, oder war Landino kühn, indem er sich die Freiheit nahm, Fae- kurz zu messen; das ae- konnte ja monophthongisiert werden zu e oder ä, und konnte damit lang oder kurz sein.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Zythophilus » Do 21. Sep 2023, 22:19

Die mittelalterliche Schreibweise Fesulae belegt sogar Georges, kennzeichnet das e aber als lang. Ich denke, dass dem Autor die korrekte Quantität der Silbe nicht bewusst war, und er das Wort so sehr gut in der zweiten Hälfte eines Elfsilblers einsetzen konnte. Freilich war er eigentlich nicht dazu gezwungen, denn am Anfang desselben Verses passt das Wort mit richtigen Quantitäten ebenso gut. Eine vermutete Kühnheit hätte dem Dichter hier nicht viel gebracht.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Zythophilus » Fr 22. Sep 2023, 07:23

Kühn waren die Autoren, die je mit geänderter Quantität die Wörter religio und Italia im Hexameter etablierten. Diese waren allerdings mit drei kurzen Silben hintereinander nicht in einem daktylischen Vers unterzubringen und außerdem sehr wichtig, sodass man sie kaum umschreiben konnte. Ansonsten zeigt sich die Meisterschaft eines Dichters nicht zuletzt darin, wie er aufgrund des Versmaßes nicht verwendbare Wörter umschreibt. Bei den genannten Wörtern mag es zudem psychologisch einfacher gewesen sein, eine eigentliche kurze Silbe als Länge zu werten und so etwas dazuzugeben als etwas wegzunehmen. Solche Versuche zeigten nicht immer Erfolg, wie der induperator beweist, der von Ennius ausgehend nach Lukrez keine Verwendung mehr fand.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Tiberis » Sa 23. Sep 2023, 00:28

Zythophilus hat geschrieben:Ich denke, dass dem Autor die korrekte Quantität der Silbe nicht bewusst war

Dass dem in der Toscana lebenden und wirkenden Humanisten Landino die Quantitäten ausgerechnet des toscanischen Ortsnamens Faesulae "nicht bewusst" gewesen sein sollen, halte ich für wenig glaubhaft, mittelalterliche Schreibweise hin oder her. Dass Landino die antike Schreibweise (und somit auch die Quantität der Silben) bekannt war, kann man als selbstverständlich voraussetzen. Er hat sich jedoch für die mittelalterliche Version entschieden, die uns bezüglich der Quantität der ersten Silbe im Unklaren lässt, auch wenn nichts dafür spricht, dass diese Silbe, die bis heute den Wortakzent trägt, jemals kurz gesprochen wurde .
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon ille ego qui » Sa 23. Sep 2023, 10:44

auch wenn nichts dafür spricht, dass diese Silbe, die bis heute den Wortakzent trägt, jemals kurz gesprochen wurde .

Nur zwei kurze lose Anmerkungen, die mir dazu eingefallen sind:

a)
Eindeutig kurz vielleicht nicht, aber vielleicht auch nicht immer eindeutig lang - in Zeiten nach dem Quantitätenkollaps -, würde ich vermuten. Auch im Deutschen (auf dem man daher auch keine quantitierende Poesie aufbauen könnte), erlaubt es, “lange” Vokale ziemlich kurz auszusprechen. Ein Linguistikdozent sagte mal, deutsche “lange” Vokale seien nicht eigentlich lang, vielmehr einerseits i.d.R. geschlossen (und gespannt) und andererseits beliebig dehnbar (aber eben nicht zwingend wirklich lang, wenn man die Zeit messen würde).
Man kann z.B. “Liebe” mit einem ziemlich kurzen i sprechen (wenn die Vokalqualität stimmt!), ohne dass es falsch klänge.

b)
Der Wortakzent ist an der Stelle vielleicht nicht ein so entscheidendes Argument, denn in der Antike lag er wegen Paenultima-Gesetz an seiner Stelle unabhängig von der Länge (drittletzte Silbe).
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Lychnobius » Sa 23. Sep 2023, 15:31

Tiberis hat geschrieben:Dass Landino die antike Schreibweise (und somit auch die Quantität der Silben) bekannt war, kann man als selbstverständlich voraussetzen.

Bevor wir unser Urteil allein auf Spekulation stützen, sollten wir vielleicht einen Blick auf die Beleglage werfen. In antiken Texten wird der Ortsname im Wesentlichen bei Cicero (Mur., Cat. 2 und 3), Sallust (Cat.), Livius, Plinius Maior und, als einzigem metrischen Text, in den Punica des Silius Italicus überliefert. Der Silius ist erst 1417 durch Poggio in Konstanz entdeckt worden, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Landino bei Abfassung der Xandra das Werk kannte.

Betrachten wir frühe Drucke dieser antiken Texte, so zeigt sich, dass (auch in den nach damaligem Stand philologisch sehr gewissenhaft edierten Aldinen) bis in die 1570er Jahre die Schreibung Fesulae die nahezu ausschließliche ist.

Die Schreibung Faesulae beginnt sich offenbar erst durchzusetzen, nachdem durch Aldo Manuzio d. J. die Rechtschreibrichtlinien des Druckhauses Aldus Manutius (Orthographiae ratio, Venedig 1561) veröffentlicht worden waren, in denen Manuzio den Vorrang der Schreibung mit Diphthong ae mit Graeca consuetudo und inschriftlicher Überlieferung begründet. Dass die hierbei in extenso zitierte Inschrift, das sog. Decretum Desiderii, als Beleg für die antike Schreibung eher zweifelhafter Natur ist (weil es 1. nur ins 8. Jh. zurückweist, 2. wohl eine spätere Fälschung ist und 3. die Schreibung Faesulanis offenbar gar nicht enthält, sondern Fesulanis), sei einmal dahingestellt.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon Zythophilus » Mi 27. Sep 2023, 06:50

Die Lage ist, was die erste Silbe von Faesulae betrifft, für die Antike vor dem Quantitätenkollpas eindeutig. Das war einem Dichter wie Landino nicht bewusst, weil der offensichtlich nur mit der italienischen Version "Fiesole" bzw. mittellateinischen Schreibweise Fesulae, wodurch sich kein Rückschluss auf die antike Quantität der ersten Silbe anbot, vertraut war. Nach 1000 Jahren war das Bewusstsein der Quantitäten, die keinen Widerhall in der Aussprache mehr fanden, nicht mehr gegeben. Die geographische Nähe zum angesprochenen Ort verhalf Landino auch nicht zu einem Geheimwissen über dessen Schreibweise, gegen die er noch dazu in weiterer Folge absichtlich verstoßen haben müsste. Ein Renaissance-Dichter hatte auch nur die antike Poesie als Möglichkeit, die richtigen Quantitäten herauszufnden, was Landino aber wegen der noch nicht verfügbaren Silius-Handschrift in Bezug auf Faesula(e) nicht konnte. Bei einem Ortsnamen wie Faesulae hätte er noch auf Inschriften, die den Diphthong als lang identifiziert hätten, zurückgreifen können, doch auch die scheint es nicht zu geben bzw. dürfte er keine entsprechende gekannt haben.
Wenn Landino um die richtige Quantität der ersten Silbe von Faesulae wusste, dann würde ich einen absichtlichen Verstoß, der noch dazu nicht nötig war, nicht als "kühn" bezeichnen, sondern bestenfalls als seltsam, weil der DIchter in diesem Fall nach eigenem Gutdünken über die Längen und Kürzen entschieden hätte, was er aber sonst nach einem ersten Blick auf das Werk nicht tat.
Das Feld der lateinischen Dichter der italienischen Renaissance ist noch kaum beackert. Ich vermute, dass eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf die Quantitäten noch mehr Unklarheiten erzeugt hat.
So ist mir der Vers An tua, quae Clarii redolere poemata vatis im Werk des Michael Marullus (Carmina I 3; https://www.poetiditalia.it/texts/MARULLO|carm|001) aufgefallen, und ich wüsste nicht, was uates hier anderes als Dichter - gemeint ist sicher Antimachos -heißen sollte - und dieses lateinische Wort hat eindeutig eine lange erste Silbe.
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Re: Metrischer Fehler?

Beitragvon cometes » Mi 27. Sep 2023, 19:40

Dass Landino Silius gekannt hat, geht aus einem Lobgedicht auf Poggio (Xandra 3,17) hervor:

Illius atque manu divina poemata Sili
Italicis redeunt usque legenda suis.
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