Ein vergilischer Irrealis

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Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon Sapientius » Mi 16. Aug 2023, 08:59

Aen. 6:30f.: ... "tu quoque magnam
partem opere in tanto, sineret dolor, Icare haberes".
"Auch du, Ikarus, hättest einen großen Anteil an diesem bedeutenden Werk bekommen, wenn der Schmerz es zuließe."

Daedalus schmückt einen Tempel mit einem Bildprogramm aus. Seinen Sohn Ikarus hatte er auf tragische Weise verloren.

Ich schreibe einmal auf, was mir dazu einfällt, und würde mich über eure Eindrücke und Meinungen freuen.

Das Auffälligste ist das Stilmittel Apostrophe oder aversio: da wird eine besprochene Person, Ikarus, zu einer angesprochenen.

Beim irrealen Vordersatz fehlt das si; oder anders gesagt: der irreale Vordersatz ist ein Hauptsatz, ein Wunschsatz (?), also Parataxe statt Hypotaxe.

Zur Wortstellung: "tu ... haberes", S - P, Subjekt vorn, Prädikat hinten, ganz normal; eine weite Klammer.

"opere in tanto", Hyperbaton, Sperrstellung "2 - 1 - 3", wie bei "quam ob rem", ganz geläufig, bildet eine kompakte Dreiergruppe.

"Tu ... Icare", Subjekt und Apposition, weit auseinandergerückt.

"sineret dolor", P - S, das umgekehrte wäre üblich.

"sineret dolor", Personifikation, ein Abstraktbegriff tritt als Agens auf.
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon iurisconsultus » Mi 16. Aug 2023, 15:29

Lieber Sapientius,

erste Eingebung: Es müsste streng genommen „si sivisset* dolor“ heißen, oder? - die Ellipse von „si“ und der Imperfekt Konjunktiv stehen wohl aus metrischen Gründen, der Imperfekt wohl auch deshalb, um die Apostrophe lebendiger zu gestalten.

Oder als irrealer Wunschsatz (halte ich für gut vertretbar): Ließe der Schmerz es nur zu.

Vale!

____
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon marcus03 » Do 17. Aug 2023, 09:07

You, too, Icarus, would have large share in such a work, did grief permit:

(Loebclassics)

Sapientius hat geschrieben:hättest einen großen Anteil an diesem bedeutenden Werk bekommen,

Resultativer Konj. Plqupf. ??
Es ist ungewöhnlich, von der irrealen Gegenwart in die (resultative) irreale Vergangenheit zu gehen,
als gute freie Übersetzung natürlich völlig OK. :)

Es erinnert ein wenig ans britisch-englische I have got = ich habe gekommen = ich habe/besitze (jetzt)
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon Sapientius » Do 17. Aug 2023, 17:52

"He 's got the whole world in his hands ...".

Es müsste streng genommen „si sivisset* dolor“ heißen, oder?


Du hast recht - wenn wir voraussetzen, dass Vergil der Sprecher der Apostrophe ist; aber müssen wir das? Können wir nicht den ganzen Satz dem Daedalus selbt in den Mund legen? Dann stimmt das Tempus. Ich würde den ganzen Irrealis in Anführungszeichen setzen, als wörtliche Rede. Apostrophe ist dann nicht nur da eine Wort "Icare", sondern der ganze Satz.

"Apostrophe" heißt Abwendung, aber wer sich abwendet, ist nicht ausgedrückt.

Aber die Gedanken kreisen noch weiter ...
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon cometes » Sa 26. Aug 2023, 13:26

Ergänzen muss man eigentlich nichts, denn das Lateinische kennt auch subjunktionslose Konditionalsätze (MBS § 568).
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon Sapientius » So 27. Aug 2023, 08:42

subjunktionslose Konditionalsätze


Ja, "Sole oriente ..." = "Si sol oritur, ...". Aber auch: "Colle occupando ..." = "Wenn er den Hügel ...".
Vgl. auch: "Si quis ..." = "Quicumque ...".

Aber konditional ist nur das Satzgefüge, der NS ist nur ein abh. Aussagesatz; zum Konditionalen gehören 2 dazu; bei "Wenn A, dann B" da macht erst das B, dass A konditional ist.
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon cometes » Di 29. Aug 2023, 12:33

Ein Abl. abs. mit konditionaler Bedeutung ist nicht dasselbe wie die in MBS § 568 behandelten Satztypen. Den Beispielen dort nach zu urteilen, ist es m.E. die auch im hier behandelten Vers vorliegende V1-Stellung, die ein klares Signal konditionaler Semantik sendet. Um den vorangehenden Adverbialsatz schon an sich als Angabe einer Bedingung, mithin Konditionalsatz zu verstehen, braucht es also den Folgesatz nicht, der aber natürlich nötig ist für die Integrität des Konditionalsatzgefüges.
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon Sapientius » Mi 30. Aug 2023, 10:09

... braucht es also den Folgesatz nicht, ...


Die Semantik reicht nicht aus, um das Konditionale zu erklären. Bei dir klingt es so, als bliebe der HS unbeeinflusst, wenn eine Bedingung vorangestellt wird. Aber die Bedingung macht den HS zum "unbestimmten Fall". Vgl. "Heute ist Dienstag" und "Wenn gestern Montag war, ist heute Dienstag". Im ersten Fall eine bestimmte Behauptung, im zweiten eine Eventualität.
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Re: Ein vergilischer Irrealis

Beitragvon cometes » Mi 30. Aug 2023, 10:44

Es geht um die konditionale Semantik, die auch ohne Subjunktion über die V1-Stellung vermittelt werden kann und ausreicht, um in dem vorausgehenden Adverbialsatz die Formulierung einer Bedingung zu erkennen und einen Folgesatz zu erwarten.
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